Die Taubenfuß-Chronik oder die Chrustchowiade

 

Autor

Gossweiler, Kurt

Verlag

Land

BRD

Preis

 

Seiten

 

Jahr

2002

 

Wie konnte das geschehen?

Gossweiler

"Die Taubenfuß-Chronik oder die Chrustchowiade 1953 bis 1964" des Historikers Kurt Gossweiler ist ein erstaunliches und lesenswertes Buch.

Der Autor (Jahrgang 1917), der in Westdeutschland vor allem durch seine herausragenden Veröffentlichungen zum Klassencharakter des deutschen Faschismus bekannt ist1, legt nun nach dem Buch "Wider den Revisionismus" seine zweite große Veröffentlichung zur Geschichte der kommunistischen Weltbewegung vor.

"Dass ich diese beiden Forschungsgebiete wählte, hängt mit den beiden schlimmsten Ereignissen meines Lebens zusammen, mit der Errichtung der faschistischen Diktatur in Deutschland 1933 und mit dem Sieg der Konterrevolution über den Sozialismus in Europa im fahre 1989 zusammen., Wie konnte das geschehen?' - das war in beiden Fällen die Frage, die mich bewegte" (Referat von Kurt Gossweiler im Marx- Engels- Studierkreis Stuttgart am 5. Juni 2002)

Wie es nur Wenige können, verbindet Kurt Gossweiler auch in der "Taubenfuß-Chronik"2 eine tiefe politische Leidenschaft mit der kühlen Distanz des Forschers.

Auf 585 Seiten sind die Reflexionen aus seinen Tagebüchern (in diesem Band bis 1957) gestützt durch umfangreiche Notizen aus den für einen mittleren Parteifunktionär zugänglichen Informationen der sozialistischen und bürgerlichen Presse zusammengetragen. Eindrücklich wird hier der Weg deutlich, wie der Leninist Gossweiler - ohne Vorgaben durch die eigene Parteiführung - von erster Verwunderung über Chruschtchow (1953 Verbrüderung mit Tito, dessen Anbiederung an den Imperialismus 1948 von allen kommunistischen Parteien geächtet worden war und die Hinrichtung Berijas), über den Verdacht bis zum begründeten Entsetzen fortschreitet (1956: die perfide Geheimrede Chruschtchows auf dem XX. Parteitag der KpdSU3 zur Verdammung Stalins und 1957 der Ausschluss so verdienter Genossen wie Molotow und Kaganowitsch aus Politbüro und ZK), dass ein Feind des Kommunismus an die Spitze der KPdSU gelangt war.

Nachgezeichnet wird die demoralisierende Wirkung der Anerkennung Titos und später der Beschimpfung Stalins auf alle Kommunisten, denen von der bis dahin unbestrittenen Autorität der KPdSU eingeimpft wurde, dass der Aufbau des Sozialismus in der UdSSR, der Sieg über die Hitlerfaschisten, die Entstehung der Volksdemokratien in Osteuropa und die Gründung der VR China auf das Konto eines Mörders gegangen sein sollen, sie selbst also Komplizen eines Verbrechers seien.

Eindringlich wird die damit verbundene Ermunterung der Imperialisten, die reaktionären Kräfte in den sozialistischen Ländern anzustacheln, um Widersprüche im Sozialismus so zu verschärfen, dass sie in die bewaffnete Auseinandersetzung, in die offene Konterrevolution führen. Hier zeigt K.G. Hintergründe zum 17. Juni 1955, vor allem aber zu den Ereignissen in Polen und Ungarn 1956 auf.

Lesenswert ist das Buch, weil hier ein Zeitzeuge aus damaligem Erleben und Denken zu ganz anderen Schlussfolgerungen kommt als der "mainstream" der Geschichtsschreibung, wie wir sie aus der bürgerlichen und sozialistischen Literatur der BRD und auch der DDR kennen.

Erstaunlich ist das Buch, weil es an der vielfach vergessenen Wahrheit festhält, dass sich die Ernsthaftigkeit einer Bewegung am Verhältnis zu den eigenen Fehlern misst. Und wir werden ohne Klarheit zur Chruschtchow-Ära weder die Restauration des Kapitalismus in den sozialistischen Ländern begreifen noch zu einer nennenswerten revolutionären Kraft wieder werden können.

Einfach erschließt sich das Buch dem Leser nicht: Die enorme Verstärkung der Aggressivität des Imperialismus siehe Korea-Krieg, Vietnam, Algerien, Suez, Guatemala etc. in diesen Jahren muss man sich erst (wieder) vergegenwärtigen. Theoretische Kenntnisse zum Aufbau des Sozialismus werden nicht auf dem Silbertablett serviert. Aber das macht auch den Wert der "Taubenfuß-Chronik" aus, dass sie anspornt, selbst sich zu vergewissem über die großen Fragen der vergangenen und zukünftigen Gesellschaftsordnung: Über das Verhältnis von äußerem Druck und inneren Widersprüchen im Sozialismus, über Demokratie und Diktatur, über das Verhältnis von Führung, Klasse und Massen. Corell

Kurt Gossweiler

Die Taubenfuß-Chronik oder die Chrustchowiade 1953 bis 1964

Verlag zur Förderung der wissenschaftlichen Weltanschauung, 2002 ISBN 3-00-008773-7

1 Die Röhm-Affäre; Großbanken - Industriemonopole - Staat, Ökonomie und Politik des staatsmonopolistischen Kapitalismus in Deutschland 1914-1932; Kapital, Reichswehr und NSDAP 1919-1924; Aufsätze zum Faschismus; Die Strasser-Legende u.a.

2 Sie verdankt ihren Titel einer Äußerung des Mitglieds des Politbüros der SED, Karl Schirdewan, auf einer ZK-Tagung im November 1956: der Revisionismus komme "auf Taubenfüßen" daher. (S.25)

3 Die Perfidie besteht vor allem darin, dass die Anschuldigungen nie bewiesen wurden, eine Aufklärung über die Anschuldigungen, über Fehler und ihre Verantwortlichkeit wurde nie betrieben. Die Geheimrede wurde nie als offizielles Parteidokument der KPdSU anerkannt. Sie wurde zuerst über Geheimdienstkanäle im Westen veröffentlicht und z.B. gegen die KPD im Verbotsprozess 1956 verwendet. Mit diesem Dokument wurden die völlig überraschten Genossen in die Ecke von Mordkomplizen gestellt; für sie war die Geheimrede ein Messerstich in den Rücken.

Diese Buchempfehlung ist der "Kommunistischen Arbeiterzeitung" - KAZ entnommen - Danke

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