Freiheiten in der DDR

Ich muß einen Irrtum korrigieren, der zu DDR-Zeiten mein eigener war, nämlich daß es im We-sten mehr Freiheiten für das Individuum gäbe als in der DDR. Denn: Im Privatleben mußten die Leute eben nicht dran glauben, was sie in der Öffentlichkeit sagten. Das ist der Unterschied zur Kirche: Der reicht es nicht, wenn jemand sich in der Öffentlichkeit zu etwas, z.B. dem Chri-stentum bekennt, sondern die will, daß man auch dran glaubt. Deshalb mischt sie sich auch per-verser Weise in die aller privatesten Belange ein, von der Schwangerschaftsverhütung bis zur Frage, was man ißt. Und: Im Osten wurde man nicht entlassen, wenn man seinem Chef gesagt hat, daß er ein Arschloch ist. Und man hatte keine Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden, die den Lebensunterhalt sicherte, auch wenn man unverheiratet, behindert, oppositionell, häufig krank, schlecht gebildet etc. war. Das Fortfallen dieses Drucks in der zentralen Sphäre, die den Menschen zum Menschen macht, der Arbeitswelt, bewirkte eine wesentlich größere Freiheit als sie der Kapitalismus bietet. So mußten die Leute im Urlaub auch nicht bis Australien flüchten, um nur nicht den Arbeitskollegen zu begegnen, sondern haben mit ihnen gemeinsam Brigadefeiern im Garten gemacht. In der BRD kannst Du zwar de-monstrieren, aber wehe es sieht Dich jemand auf der Straße oder im Fernsehen, mit dem Du noch mal ein Bewerbungsgespräch führen mußt und der die Demonstrationsinhalte verabscheut. Daß das DDR-Regime dann um so nachhaltiger jeden oppositionellen Organisationsversuch unterbinden mußte, ergibt sich aus dem aufgrund der Freiheit erwachsenden wesentlich größeren potentiellen Resonanzboden. Staatliche Repression ist kein Zeichen von Stärke, sondern von Schwäche eines Regimes. Deshalb griff das Kapital auch zum Faschismus, als es eine organisierte, bewaffnete Arbeiterbewegung mit 2 Millionen Kadern gab. Heute dagegen haben wir Narrenfreiheit. Ich schreibe das, weil es Auswirkungen auf die politische Arbeit hat. Ohne materielle Freiheit kann es geistige Freiheit nicht geben. Deshalb entstammten zu allen Zeiten Freigeister eher aus gesicherten materiellen Verhältnissen als aus dem Proletariat. Aus diesem Grunde halte ich auch alle Bestrebungen für aussichtlos, diejenigen, die Überstunden schieben, um ihren Arbeitsplatz nicht zu verlieren, für revolutionären Kampf zu agitieren. Sind sie erstmal langzeitarbeitslos, besteht dieses Problem nicht mehr, weil sie dann nichts mehr zu verlieren haben. (Soziologische Untersuchungen weisen aus, daß die DVU überproportional von prekär Beschäftigten gewählt wurde, während die PDS überproportional Arbeitslose mobilisieren konnte.) Die Westpresse versucht das heute umzulügen, indem sie beispielsweise selbst bezahlte oder vom Verfassungsschutz aufgestellte Neonazis vor der Kamera als typisch ostdeutsch posie-ren läßt. Ein typisches Zerrbild: Man drischt auf einen selbstgebauten Fetisch ein. Mit der Wirk-lichkeit in der DDR hat das nichts zu tun.

Vitali Ri.