Der Terror und das Imperium
|
Autor |
James H. Hatfield |
|
Verlag |
|
|
Land |
BRD |
|
Preis |
19,80 € |
|
Seiten |
424 |
|
Jahr |
Vorabdruck aus James H. Hatfields Bestseller »Das Bush-Imperium«
Ein Vorwort - von Jean Ziegler
I.
Der Zusammenbruch der Sowjetunion im August 1991 und das Verschwinden der Bipolarität
der internationalen Staatengesellschaft weckten überall in der zivilisierten
Welt unbändige Hoffnungen. Zum ersten Mal seit 1945 bestand eine reelle
Chance, die Welt neu zu ordnen nach den Prinzipien der UNO-Charta und der universellen
Menschenrechtsdeklaration.
Das amerikanische Imperium entschied anders: Anstatt die Hand zu bieten zu einem
System der kollektiven Sicherheit, weigerte es sich, die ungeheuerliche, während
des Kalten Krieges aufgebaute Militärmaschine abzubauen. Gegen das Prinzip
der friedlichen Konfliktlösung wählte es den Weg des imperialen Diktates.
Gegen die Schiedsgerichtsbarkeit und die multilaterale Diplomatie optierte es
für die autistische, unilaterale Weltmachtpolitik. Anstatt normativer Ökonomie
und der Verteilung der - vor allem für die Dritte Welt - lebenswichtigen
Güter durch multilaterale Konventionen errichtete es den vom amerikanischen
Finanzkapital total beherrschten, globalisierten Weltmarkt.
II.
Die amerikanische Kapitaloligarchie, von der die Regierung Bush weitestgehend
beherrscht wird, funktioniert gemäß einem Kodex, den man den »Consensus
of Washington« nennt.
Seine vier heiligen Regeln sind: totale Liberalisierung der Kapital-, Waren-,
Dienstleistungs- und Patentströme; Privatisierung des öffentlichen
Sektors; Deregulierung und Flexibilisierung aller Sozial- (insbesondere der
Arbeits-)beziehungen.
Dieser »Consensus« wird weltweit durchgesetzt von den Söldnerorganisationen
des internationalen, meist amerikanischen Finanzkapitals: der Welthandelsorganisation,
des Weltwährungsfonds und der Weltbank.
Thomas Friedman, früherer Assistent von Außenministerin Madeleine
Albright, schreibt: »Damit die Globalisierung funktioniert, dürfen die
Vereinigten Staaten nicht zögern, als die unbesiegbare Weltsupermacht zu
agieren, die sie sind. Die unsichtbare Hand des Marktes funktioniert nicht ohne
die sichtbare Faust. McDonalds kann nicht prosperieren ohne McDonnel-Douglas,
dem Fabrikanten der Kampfflieger F-15. Die sichtbare Faust sichert auf der ganzen
Welt den Sieg der Technologieprodukte aus dem Silicon Valley. Diese Faust sind
die Landstreitkräfte, die Marine, die Luftwaffe und das Marine-Corps der
Vereinigten Staaten.« (Thomas Friedman, New York Times Magazin, 28.3.1999)
Am 28.10.2001 erklärte George W. Bush anläßlich der Kongreßdebatte
das neue Ermächtigungsgesetz in Sachen Außenhandel (»Trade Promotion
Authority Act«) betreffend: »Die Terroristen haben das World Trade Center angegriffen.
Wir werden sie besiegen, indem wir den Welthandel noch energischer liberalisieren.«
(Agence France Presse, 28. Oktober 2001)
Und vor der Welthandelskonferenz in Doha, November 2001, sagte sein Außenhandelsminister
Robert Zoellnik: »Die befreiten Kapitalflüsse sind nicht nur ökonomisch
äußerst effizient. Sie befördern in der ganzen Welt auch die
ethischen Werte der Freiheit.« (Reuters, 4. 11.2001)
III.
Globalisierung ist täglicher Terror. Alle sieben Sekunden verhungert ein
Kind unter zehn Jahren. Alle vier Minuten verliert ein Mensch das Augenlicht
wegen Mangel an Vitamin A. Über 100000 Menschen sterben jeden Tag am Hunger
oder seinen unmittelbaren Folgen. 828 Millionen Kinder, Männer und Frauen
waren letztes Jahr permanent schwerstens unterernährt. Die FAO errechnet:
Die Weltlandwirtschaft könnte heute ohne Probleme zwölf Milliarden
Menschen ernähren. Ohne Probleme heißt, jedem Menschen jeden Tag
2700 Kalorien Nahrung geben. (World Food Report, Rome, 2001) Die gegenwärtige
Erdbevölkerung beträgt 6,2 Milliarden.
Es gibt keine Fatalität, nur imperiale Vernichtung und Arroganz. Wer heute
am Hunger stirbt, wird ermordet. Wer Geld hat, ißt und lebt; wer keines
hat, hungert, wird invalid und/oder stirbt.
IV.
Vor über 2000 Jahren schon schrieb Marc Aurel: Imperium superat regnum.
Das Imperium unterwirft sich alle anderen Mächte. Die Oligarchie des amerikanischen
Finanzkapitals beherzigt diese Lektion aufs Trefflichste.
Die amerikanische Präsidentschaft hat den Vertrag, das Verbot der Fabrikation
und des Verkaufs von Anti-Personen-Minen betreffend, abgelehnt. Sie hat das
Kyoto-Protokoll zur Kontrolle der Vergiftung der Luft durch CO2-Ausstoß
sowie den Kontrollvertrag betreffend die interkontinentalen, ballistischen,
mit Atomsprengkörpern bestückten Flugkörper widerrufen. Sie weigert
sich, das Protokoll betreffend der Kontrolle der biologischen Waffen zu unterzeichnen.
Sie bekämpft die OECD-Konvention zur Kontrolle der weitgehend kriminellen
Offshore-Märkte. Den internationalen Strafgerichtshof (Römer-Konvention,
1998) verwirft sie. Jede Art militärischer Abrüstung ist ihr ein Greuel.
Das Imperium tätigt im Jahr 2002 allein 42 Prozent aller Militärausgaben
der Welt.
V.
Nichts und niemand kann den fürchterlichen Angriff auf die New Yorker Zivilbevölkerung
vom 11. September 2001 erklären, geschweige denn rechtfertigen. Über
3000 Menschen aus 62 Nationen sind innerhalb dreier Stunden ermordet worden.
Aber auch das schlimmste Verbrechen darf die rechtsstaatlichen Grundsätze
einer zivilisierten Gemeinschaft, wie es die amerikanische ist, nicht außer
Kraft setzen.
Die Terrorbombardements der amerikanischen Luftwaffe auf die afghanischen Städte
und Dörfer von Oktober bis Dezember 2001, die menschenunwürdige Behandlung
der Kriegsgefangenen sowie die Weigerung, die Genfer Konvention in Afghanistan
zu respektieren, sind die Markenzeichen imperialer, menschenverwüstender
Arroganz.
Bush und seine Akkoliten aus Texas definieren autonom - jenseits aller Völkerrechtsgrundsätze
-, wer ein Terrorist ist und wer nicht.
James H. Hatfields akribisch recherchiertes Buch zeigt den Direkteinfluß
der texanischen Ölmilliardäre auf die Familie Bush. Der weltweite
Krieg gegen den Terror hat einiges zu tun mit der Profitmaximierung der Investitionen
im internationalen, insbesondere mittelöstlichen und zentralasiatischen
Erdölgeschäft.
Unheimlich ist mir auch die Doppelzüngigkeit des Imperiums. Bush pachtet
für sich die menschliche Zivilisation, ihre Moral und deren Verteidigung.
Gleichzeitig duldet er die schrecklichen Kriegsverbrechen der Regierung Scharon
in Palästina, insbesondere das Massaker an Hunderten von Frauen, Männern
und Kindern im Flüchtlingslager von Dschenin, in Ramallah und Nablus im
April 2002. Mit großzügigem Schuldenerlaß beschenkt er Wladimir
Putin, der in Tschetschenien die Zivilbevölkerung massakriert. Den türkischen
Folterschergen läßt er Waffen und Kredite in Milliardenhöhe
zukommen.
Traurig als Europäer und Sozialdemokrat stimmt mich die unterwürfige
Lakaienmentalität, die so viele meiner Genossen und Genossinnen aus der
Sozialistischen Internationale gegenüber den stumpfsinnigen Weltherrscher-Aspiranten
in Washington an den Tag legen. Gerhard Schröder und Anthony Blair sind
nicht die einzigen.
VI.
Am Nachmittag des 9. November 2001 präsentierte ich meinen Bericht über
das Recht auf Nahrung vor der UNO-Generalversammlung in New York. Am Vormittag
wurde ich vom Editorial-Board der New York Times zu einem Gedankenaustausch
in den Hauptsitz der Zeitung, ins Haus No. 229 West 43. Straße eingeladen.
Ich stand Rede und Antwort. Am Gesprächsende stellte ich meinerseits eine
Frage: »Wie soll man als Europäer die gegenwärtige Strategie der Administration
Bush in Zentralasien verstehen?«
Roger Normand vom Center for Social and Economic Rights, der ebenfalls am großen,
runden Holztisch saß, antwortete: »It’s oil and the military.« Zu deutsch:
Die Bush-Regierung wird beherrscht von den Ölmilliardären und den
Waffenfabrikanten. Alle Anwesenden nickten zustimmend.
VII.
Ich kenne kaum ein faszinierenderes, vielfältigeres und kreativeres Volk
als die Amerikaner. In Greenwich-Village und an der Columbia-University habe
ich während vier Jahren mehr über die Menschen und die Welt gelernt
als während irgendeiner anderen Zeit meines Lebens. Amerikanische Gastfreundschaft
und Warmherzigkeit sind mir unvergeßlich.
Die amerikanische basisdemokratische Opposition gegen die Rassengesetze in den
frühen sechziger, die Opposition gegen den Mörderkrieg in Vietnam
in den frühen siebziger Jahren sind Sternstunden der Menschheit. Amerikanische
Studentinnen und Studenten, Gewerkschafter, Priester, Schriftsteller, Journalisten,
einfache Bürgerinnen und Bürger haben leuchtende Seiten in das Buch
der Geschichte geschrieben. Michael Harrington, der Freund von Willy Brandt,
ist mir unvergeßlich.
Hatfield und sein großartiges Buch gehören in die lange Reihe dieses
für alle Völker der Welt beispielhaften Widerstandes. Er hat diesen
Widerstand mit seinem Leben bezahlt. Wir schulden ihm Bewunderung, Dankbarkeit
und Solidarität.
Eine merkwürdige Erscheinung - Prolog von James H. Hatfield
Seit die Kolonisten der ersten »Dreizehn Vereinigten Staaten« sich 1776 von
Großbritannien und seinem Monarchen König George III. lossagten,
haben die Amerikaner trotz ihrer demokratischen Ansprüche periodisch versucht,
politische Dynastien zu schaffen, die auf der familiären Herkunft beruhen.
Immer wieder ging das US-amerikanische Wahlvolk davon aus, die aufeinanderfolgenden
Generationen der Adams, Tafts, Roosevelts, Rockefellers und Kennedys hätten
- nicht viel anders als Thronfolger in einer Monarchie - ein Recht auf die Macht
und seien genetisch dazu bestimmt, ihr Land zu führen.
Selbst heute, wo auch in den Vereinigten Staaten ein neues Jahrtausend heraufzieht,
scheint der Ex-Gouverneur von Texas, George W. Bush - Sohn eines ehemaligen
US-Präsidenten und Bruder des Gouverneurs von Florida -, das Amt des Präsidenten
schlicht deshalb geerbt zu haben, weil man ihn mehr oder weniger als Mitglied
einer politische Aristokratie ansieht. Mit dem Startvorteil eines überall
bekannten Namens, eines fertig bereitstehenden Netzwerks politischer Beziehungen
seines Vaters und einer in Rekordhöhe mit Dollarmillionen gefüllten
Kriegskasse von Wahlkampfspenden erfreute sich Bush (den seine Freunde »W« nennen,
also »Dabbelju«, was in Texas »Dabja« ausgesprochen wird) genau der Art von
Antriebsschub, die sein Vater als »Big Mo«(»Big Money«, das große Geld)
zu bezeichnen pflegte.
Obwohl die Arbeitslosigkeit so niedrig war wie seit fast dreißig Jahren
nicht mehr, die wiederauflebende Wirtschaft die Aktienkurse in die Höhe
schnellen ließ und die Kriminalität stark zurückgegangen war,
machte eine breite Massenstimmung - wie man sie seit der heldenhaften Rückkehr
Dwight Eisenhowers aus dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gesehen hatte - Bush
zum unangefochtenen Spitzenmann der Republikaner und zum mit Abstand aussichtsreichsten
Kandidaten der Grand Old Party (GOP, Spitzname der Republikanischen Partei)
bei den für das Jahr 2000 anstehenden Wahlen.
All das erreichte der damalige Gouverneur von Texas, obwohl die meisten Amerikaner
über ihn persönlich oder über seine Position zu politischen Fragen
so gut wie nichts wußten. Selbst im »Lone Star State« Texas, wo Bush ein
höhere Maß an Popularität erreicht hatte als jeder andere texanische
Gouverneur der letzten Jahrzehnte, machten die Antworten der Wähler bei
einer Meinungsumfrage im April 1999 (fünf Monate nach seiner Wiederwahl
für eine zweite Amtsperiode) klar, daß seine Popularität mehr
auf seinem Namen und seinem Image beruhte als auf dem Inhalt und den Ergebnissen
seiner Politik. Beinahe die Hälfte der befragten Texaner konnten die folgenden
Fragen nicht beantworten:
- Welches waren die drei wichtigsten Leistungen Bushs als Gouverneur?
- Können Sie drei Regierungsvorhaben nennen, die der Gouverneur während
seiner ersten Amtszeit im Parlament von Texas eingebracht hat?
- Was ist Bushs Haltung zur Privatisierung der Sozialversicherung? Zur Gesetzgebung
über die Abtreibung? Zur Gesundheitsversorgung? Zur Jugendkriminalität?
- Können Sie einige der von Bush geäußerten Meinungen nennen,
mit denen Sie übereinstimmen?
- Was mögen Sie als Bürger von Texas an der Art, wie Bush die Regierungsgeschäfte
handhabt?
- Wissen Sie etwas über seine Haltung zu wirtschaftlichen, militärischen
oder diplomatischen Fragen?
Ein weiterer Hinweis darauf, daß Bushs Popularität eher auf dem Wiedererkennungswert
seines Namens basierte als auf klar definierten Leistungen, war eine unabhängige
Meinungsumfrage bei den Republikanern von New Hampshire, die zeigte, daß
sein Vorsprung sich in Luft auflöste, sobald sein Name durch eine kurze
Biographie ersetzt wurde. (...)
Im Lauf der Geschichte hat sich jedoch gezeigt, daß die amerikanischen
Wähler von ihren periodischen Neigungen zu einer Familiendynastie fast
immer wieder abließen. So bewarb sich Nelson Rockefeller, der Ex-Gouverneur
von New York, 1964 und 1968 ohne Erfolg um die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten
der Republikaner und verlor gegen die Bannerträger der GOP, Barry Goldwater
und Richard Nixon, sobald die Parteitagsdelegierten sich erst einmal mehr mit
seinen politischen Ansichten als mit seiner berühmten Herkunft beschäftigten.
(...)
1993 war Bush geschäftsführender Teilhaber der in der Major League
spielenden Baseballmannschaft Texas Rangers und lebte in einem Staat, dessen
Gouverneurin, die Demokratin Ann Richards, bei Meinungsumfragen auf unglaublich
gute Ergebnisse kam und deren Wiederwahl 1994 sicher schien. Dann vertauschte
der Sohn des Ex-Präsidenten die sportliche mit der politischen Arena und
stieg damit ins Familiengeschäft ein.
Aber fünf Jahre nach Bush Juniors Sieg über Richards wußten
die meisten seiner Wähler mit Sicherheit über ihn nur, wer seine Eltern
waren. Es ist nun höchste Zeit, daß nicht nur die Texaner, sondern
auch alle anderen Amerikaner und ebenso die Bürger der restlichen Welt
mehr - sehr viel mehr - über den jüngeren Bush erfahren, den Mann,
der seinem Vater ins Präsidentenamt folgte.
Aber das Rätsel hat weniger mit dem Mann selbst zu tun als mit der Frage,
wie es kommt, daß der Weg zur Macht oft der Weg des geringsten Widerstandes
ist - wie im Fall des George W. Bush.
* James H. Hatfield: Das
Bush-Imperium. Wie George W. Bush zum Präsidenten gemacht wurde. Mit einem
Vorwort von Jean Ziegler. Aus dem Amerikanischen von Michael Schiffmann. 424
S., 19,80 Euro,
ISBN 3-926529-42-3