Aktionen des Roten Tisches Ostthüringens
Rote Garden gegen Nazihorden -
Antifaschismuswochenende des Roten Tisches Ostthüringen
Wie nun schon seit mehreren Jahren fand auch 2005 wieder eins der sogenannten
Politwochenenden des Roten Tisches Ostthüringen auf dem Roten Hof der roten
Familie Sedlacik bzw. des Denk-mal-nach e.V. statt, diesmal im späten August
- vom 26. bis zum 28. - bei Rückkehr des Sommerwetters. Thema im Jahre
60 nach der Befreiung vom Faschismus, wie könnte es anders sein: "Antifaschismus".
Sowohl die historische als auch die aktuelle Komponente kam zur Sprache.
Erst jetzt, abseits des Getöses um den 8./9.Mai das Jahr 1945 aufzugreifen,
hatte seinen Grund, denn Prof. Dr. Kurt Pätzold, Historiker, ursprünglich
aus Thüringen, jetzt Berlin, referierte zu wesentlichen Aspekten des Potsdamer
Abkommens (Sonnabend vormittag). Dabei ging es sowohl um die Voraussetzungen
des Abkommens als auch um Verlauf und Ergebnisse des Treffens im Potsdamer Schloß
Cecilienhof sowie die Nachwirkungen. Absichtlich auszuklammern versuchte Prof.
Pätzold den Fragekomplex des sowjetisch-deutschen Nichtangriffspaktes und
der dazugehörigen Geheimprotokolle von 1939, was nicht gelingen konnte,
da freilich die Diskussion sich rasch um diesen Punkt zu drehen begann. Unabhängig
davon hatte der streitbare Referent bereits am Vorabend zu einer lebhaften Diskussion
hinsichtlich des Problems NPD-Verbot beigetragen.
Dabei ging zunächst der Direktkandidat der Linkspartei.PDS für Saalfeld-Rudolstadt-Lobenstein
bei der vorgezogenen Bundestagswahl und langjährige Mandatsträger
für die PDS im Thüringer Landtag Dr. Roland Hahnemann auf das neue
Versammlungsrecht ein, welches durch eine Gesetzesänderung bestimmt wird,
für deren Verabschiedung die Kriegsverbrecherparteien im Bundestag den
versuchten Neonaziaufmarsch am Brandenburger Tor am 8. Mai 2005 zum Anlaß
nahmen. Nach der Einschätzung Dr. Hahnemann brachte diese Gesetzesnovelle
insgesamt weder positive noch negative Folgen. Zum Beispiel sei es schwerer
geworden, Naziaufmärsche etwa in Buchenwald zu verbieten, wenn diese unter
biederen Parolen wie "Weg mit Hartz IV" o.ä. angemeldet würden.
Was die hitzigen Debatten danach auslöste, war Hahnemanns Meinung, Neofaschismus
(wobei er nicht wisse, was das Neue - das "Neo" sein solle) könne
mit Grundrechtsabbau, also mit Partei-, Publikations- und Demonstrationsverboten,
mit Einschränkungen der Meinungsfreiheit usw. nicht bekämpft werden.
Vielmehr würden uns Linken als ersten solche Repressivmaßnahmen auf
die Füße fallen. Dies gelte auch für das Verbot der NPD ! Fand
dies heftigen Widerspruch seitens Prof. Pätzold und eines Großteils
der anwesenden DKP-Mitglieder, so gab es auch ausdrücklich Zustimmung insbesondere
bei der RKL, während die Meinungen insgesamt sowie innerhalb einzelner
Organisationen (z.B. bei PDS und Freidenkern) geteilt blieben. Dabei verwiesen
die NPD-Verbots-Befürworter u.a. auf das Potsdamer Abkommen und die Gegner
auf die Schwierigkeit, eine strafbare Handlung zu definieren, die faschistisch,
aber nicht nach den bisherigen Gesetzen bereits strafbar sei.
Die antifaschistische Strategiedebatte war im Prinzip die übergreifende
Klammer des Wochenendes, denn dieses Freitagsthema wurde am Sonntag zum Abschluß
durch das Refereat Peter Lückmanns vom "Bündnis gegen Rechts
Gera" über die "NPD in Thüringen" von der Theorie zur
Praxis hingeführt. In einer äußerst solidarischen und konstruktiven
Weise wurden die verschiedenartigsten Aspekte gewälzt - von Unfähigkeit
oder Unwillen einzelner lokaler Linker (hier ging es um ein Beispiel aus Teichwolframsdorf)
beim Erkennen rechtsextremer Strukturen vor Ort über die Wirkung betrunkener
Punks auf Antifa-Demos auf die Normalbevölkerung bis zum Verhältnis
Gewerkschaften und Antifaschismus und dergleichen vieles mehr. Peter Lückmann
rief dazu auf, sich nicht unsere Begriffe, Zeichen und Symbole von den Nazis
wegnehmen zu lassen. Hierbei wurde auf die Einflußnahme seitens der imperialistischen
Geheimdienste verwiesen, ohne die es - auch in Thüringen - Neofaschismus
als ernstzunehmende politische Kraft und auch die NPD nicht gäbe. Folglich
sei Aufklärung über Methoden und Hintergründe von Neonazistrukturen
in der Öffentlichkeit an sich bereits ein Schlag gegen rechts. Die Behinderung
nazistischer Aufmärsche sei wichtig, weil sie überhaupt erst die Blockparteien
von CSU (hier war Wunsiedel und der Auftritt des dortigen Bürgermeisters
auf der Bunt-statt-Braun-Fete ein zentrales Thema) bis Grüne zu geheuchelten
antifaschistischen Bekenntnissen zwinge, die aber besser sind als offene Kollaboration
mit ganz rechts.
Peter Lückmann schlug vor, daß man davon wegkommen müsse, den
Nazis immer hinterherzulaufen, sondern statt dessen eigene Akzente und Schwerpunkte
setzen solle: Wie wäre es etwa mit einer großen (2000 Leute ?) Thüringer
Antifa-Demonstration zu Che Guevaras Geburtstag ? Dieser Gedanke sollte am Roten
Tisch unbedingt weiterverfolgt werden, wenngleich in diesem Jahr auch wegen
der Bundestagswahl die Zeit dazu zu knapp sein wird.
Neben der praxisrelevanten Strategiedebatte kamen Theorie und Geschichte jedoch
nicht zu kurz. Der bulgarische Genosse Radscho sprach über die illegale
Arbeit gegen das profaschistische Zarenregime in Bulgarien im Zweiten Weltkrieg
und die Situation seines Landes heute. Hartmut Dicke von der Gruppe Neue Einheit,
die aus der maoistischen Tradition stammt, entwickelte nach der Klärung
von Grundbegriffen Thesen dazu, ob "die nationale Frage noch aktuell"
sei. Seiner Auffassung nach stellt den Epochenwechsel nach 1945 nicht die sogenannte
deutsche Einheit von 1990 dar, sondern der Strategiewechsel des Kapitals, die
Produktion in Billiglohnländer zu verlagern, was er mit der Weltwirtschaftskrise
von 1973/74 ansetzt.
Lebhafte abendliche Debatten am Feuer begleiteten auch das diesjährige
Brückla'sche Politwochende des RT, dessen unübertroffene Gastgeber
permanent dafür sorgen, daß von mal zu mal den Gästen immer
unrevolutionärerer Komfort zuteil wird. So empfiehlt sich Brückla
neben der Jugendbibliothek zu Gera und der Leuchtenburg auch für 2006 wieder
als Treffpunkt des Roten Tisches für Vorträge, Diskussionen und auch
mal ein Bier.